Deutschland ist ein konservatives Land. Wer hier eine konservative Partei wählen möchte, muss gar nicht die Partei wählen, in der seit einigen Tagen eine Debatte darüber losgebrochen ist, ob die Partei noch konservativ genug ist. Lust auf Veränderung ist in Deutschland nicht wirklich verbreitet und jede Regierung, das gilt oft auch für jede Einzelperson, die Veränderungen umsetzt, wird sich per se unbeliebt machen. Deutschlands Träume speisen sich weniger aus der Vision einer besseren Zukunft, sie zehren von der Vision einer besseren Vergangenheit – die am Ende auch nur eine imaginierte ist, aber seis drum. Feste Bestandteile der besseren Vergangenheit sind besseres Wetter, also Sonne im Sommer (auch im September, zum Beispiel am 14.) und Schnee im Winter, vorzugsweise an Weihnachten, besseres Geld, also die D-Mark, bessere Steuern, also kein Solizuschlag und besseres Essen, also Tomaten, die nach Tomaten schmecken, Kalbfleisch, das nicht zu 80% aus Wasser besteht und Brot, das nicht aus tiefgekühlten Backmischungen hergestellt wurde.

Die bessere Vergangenheit hat im Volksmund oft auch einen anderen Namen und der lautet Heimat. Heimat gab es immer nur in der Vergangenheit und ist ein Begriff, der Trauer, Sehnsucht und Trotz zusammen fasst – die Trauer über die nie wieder wiederkehrende Kindheit, die Sehnsucht nach einer besseren Welt und der Trotz, wider alle Vernunft zu behaupten, die Kindheit ließe sich sehr wohl zurückholen und die bessere vergangene Welt, die es nie gegeben hat, könne sehr wohl wieder hergestellt werden. Die trotzigsten Deutschen sind die so genannten Heimatvertriebenen, besonders die, die aus einer Heimat vertrieben sind, die es nie gab, weil sie sie nie bewohnt haben.

Auch Thilo Sarrazin ist ein Trotzkopf. Die Deutschen – und besonders die deutschen Medien – mögen solche Trotzköpfe und alle paar Jahre gibt es einen, der durch alle Politik-Redaktionen und Feuilletons wirbelt. Zu den herausragenden Merkmalen der Debatten um Trotzköpfe gehört, dass sich plötzlich die klügsten Journalisten und Journalistinnen und mit ihnen Deutschlands intellektuelle Elite mit Thesen und Behauptungen außeinander setzt, die an Dummheit kaum zu überbieten sind. Nun ist Sarrazin kein Dummkopf, er ist gebildeter und intellektueller (und woher er das hat, ob er nur geerbt oder selber gelernt hat, wissen wir nicht) als die allermeisten Deutschen. Und er hat ein Thema, das in der Luft liegt, aufgegriffen und ein Buch daraus gemacht. Er hat eine Veränderung, die seit Jahren stattfindet und die fast heimlich auf den Lebensnerv der deutschen Gesellschaft trifft, bewusst gemacht – auch wenn seine Erbschaftsthese nicht nur niveaulos, sondern vor allem auch weit unter seinem eigenem Niveau ist. Angst macht nicht, dass alles schlechter, sondern dass alles anders wird. Nein, Deutschland schafft sich nicht ab, sondern Deutschland, und das ist für uns die wahre Schreckensbotschaft, verändert sich. Ja, die Deutschen sind schon jetzt und werden es zukünftig immer mehr sein, ein Volk, das immer weniger aus Deutschstämmigen in der ersten, zweiten oder dritten Generation bestehen wird. Ja, die Politik hat jahrzehntelang gepennt und sich nicht um die zukünftigen Deutschen, die Kinder der Einwanderer, gekümmert, sondern um die vergangenen Deutschen, deren Kinder allemal immer weniger werden. Ja, die in Deutschland lebende Gesellschaft hat sich unglaublich verändert, wir nie wieder die sein, die wir in den 70er und 80er Jahren kannten. Das Phänomen Sarrazin ist der letzter Aufschrei einer Gesellschaft, die sich nicht abschafft, sondern die schon beinahe untergegangen ist. Darauf muss man nicht mit solchen Mediengewittern reagieren, wie sie seit Wochen um Sarrazins mäßig interessante und erst recht nicht neuen Thesen produziert werden.

Ein ähnliches Medientheater gab es vor vier Jahren, als Eva Herrmann in ihrem Buch „Das Eva-Prinzip“ die Feministinnen bezichtigte, die Frauen und Mütter abgeschafft zu haben. Und Deutschlands anspruchsvollste Feuilletons waren voll von Repliken auf Thesen, die an intellektueller Schmalspurigkeit wohl kaum zu überbieten waren. Auch Eva Herrmanns Buch war der letzte Aufschrei aus einer Gesellschaft, die es so nicht mehr gibt. Mütter sind nicht mehr das, was sie einmal waren, Väter sind nicht mehr das, was sie einmal waren, sondern gehen, wenn auch nur zwei Monate, in Vaterzeit, Mütter arbeiten, auch wenn sie weniger verdienen als Männer. Eltern lassen sich scheiden, Kinder suchen sich neben den Eltern andere erwachsene Bezugspersonen – nichts ist, wie es einmal war, alles ist verändert.

Verlorene Sicherheit, verlorene Heimat. Und das ausgerechnet uns Deutschen.

Thilo Sarrazin und Eva Herrmann – das Trotz-Prinzip
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One thought on “Thilo Sarrazin und Eva Herrmann – das Trotz-Prinzip

  • 15. September 2010 um 18:44
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    Dass nichts bleibt, wie es einmal war, ist vielleicht die einzige Konstante im Leben…

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