Bürogemeinschaften

Als die webagentin teile ich das Büro mit einer Web-Grafikerin und zwei Lektorinnen und Übersetzerinnen. Die sind nicht nur nette Menschen, sondern bereichern darüber hinaus meinen Alltag. Sitze ich zur Mittagssuppe am Küchentisch, liegt dort meist irgendein Buch, das ich sonst wohl nie in die Hand bekommen hätte. So griff ich heute nach einer uralten Suhrkamp-Ausgabe von „Die wilden Kinder“ von Lucien Malson, Jean Itard und Octave Mannoni. Suppe löffelnd las ich die Einführung. Klassisch strukturalistisch  und spannend.

So stieß ich auf den Satz: „Das Natürliche im Menschen ist das, was auf Vererbung beruht; das Kulturelle das, was auf dem Erbe beruht (dem kongenitalen Erbe während der Schwangerschaft, dem peri- und postnatalen Erbe bei der Geburt und während der Zeit der Erziehung).“

Primatenforschung und Frauenquote

Und nun ist just heute der Tag, an dem der Bundestag die Frauenquote für Aufsichtsräte verabschiedet hat. Die Frauenquote, die ja überhaupt nur deswegen notwendig ist, weil sich in den Köpfen so hartnäckig das Vorurteil hält, Frauen seien anders, Frauen seien schwächer, Frauen seien weniger ehrgeizig, führungsstark, weniger egoistisch, durchsetzungsfähig usw. usw. Fragt man nach, läuft es am Ende auf die Natur des Menschen heraus. Der Mensch ist eben so, die Primatenforschung wird bemüht und Phänomene angeführt, die angeblich auch bei Affen beobachtet wurde. Als seien solche Beobachtungen objektiv und nicht das Beobachtete vor allem vom Beobachtenden geprägt.

Erziehungsgrundlagen aus dem Ultraschall

Ich kann es nicht mehr hören, diese Mütter und Väter, die mir erzählen, sie hätten auch immer gedacht, alles sei Erziehung, aber sie hätten ja ihre Kinder – Junge und Mädchen – ganz gleich erzogen und trotzdem sei am Ende das Mädchen typisch Mädchen und der Junge typisch Junge geworden. Daraus folgen dann Ableitungen über die Natur der Geschlechter. Als hätten sie nicht seit der 14. Schwangerschaftswoche per Ultraschall gewusst, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, als hätten sie von da an nicht „Sohn“ oder „Tochter“ statt „Kind“ gedacht, als hätte sie nicht von diesem Augenblick an den kulturellen Unterschied zwischen den Geschlechtern als erste Kultur ihres Kindes geschaffen bzw. als Erbe weitergegeben.

Die Natur der Chefetagen

Da der Mensch von allen Tieren als das Unwissendste auf die Welt kommt, muss er auch das, das landläufig Natur genannt wird, als Kultur erlernen. Wer die Kultur ändert, kann langfristig auch die angebliche Natur des Menschen ändern. Wäre es anders, lebten wir heute noch in Höhlen. Weil wir das nicht tun und die Fertigkeiten, die in der Höhle gefragt sind, in einer digitalen Gesellschaft an Bedeutung verloren haben, ist die Frauenquote ein Schritt zur Veränderung unseres kulturellen Erbes – und eine Chance, damit auch unsere Natur zu verändern.

Ob die Frauenquote erfolgreich sein wird, weiß niemand. Aber zur Natur des Menschen gehört’s, ab und zu Dinge auszuprobieren, deren Erfolgsaussichten ungewiss sind. Wär’s anders – ich wiederhole mich – lebten wir noch in der Höhle.

In diesem Sinne – einen schönen Frauentag 2015!

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