Nein, natürlich habe ich nicht alle Dokumente gelesen, die in in Wikileaks aus dem amerikanischen Außenministerium veröffentlicht worden sind. Aber ich habe mir einige der Aktennotizen, das scheint mir die korrekteste Bezeichnung zu sein, die Deutschland betreffen und z.B. unter http://cablegate.wikileaks.org/origin/29_0.html zu finden sind, ein wenig genauer angeschaut. Ich verstehe die Aufregung nicht. Alles, was diese Dokumente beweisen, ist, dass die Amerikanische Botschaft ihre Arbeit macht und dass sie sie gar nicht schlecht macht. Der Job von Botschaftsmitarbeiter/innen ist es wohl erstens, diplomatische Beziehungen zu pflegen und zweiten, eine Einschätzung des Landes, der politischen Stimmungen, der Politik und der Politiker zu entwickeln und an die eigene Regierung weiter zu leiten. Nichts anderes bezeugen die Dokumente. Merkel wird als ein wenig entscheidungsschwach und unkreativ eingeschätzt, Seehofer als unberechenbar, Dirk Niebel als fragwürdige Besetzung, zu Guttenberg wird gelobt – das entspricht so ungefähr dem deutschen Politbarometer kann in jeder Zeitung nachgelesen und im Zweifelsfalle bei jedem deutschen Durschnittsbürger abgefragt werden. Botaschaftsangestellte haben also ihre Arbeit getan und sie haben sie gar nicht schlecht getan, ihre Einschätungen von Wahlen etc. waren durchaus realistisch. Das wird den deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht schaden.

Der Skandal, so heißt es nun, läge ja auch gar nicht im Inhalt der Dokumente, sondern darin, dass sie veröffentlicht worden sind. Tja. War wirklich zu erwarten, dass die Facebook-isierung der Welt vor Regierungen und ihren Botschaften Halt machen würde? Warum denn? Wenn jedes Bier, das eine/r zu viel oder zu wenig oder nicht getrunken hat, jedes gekaufte Produkt, jede Gemütsregung (Gefällt mir, gefällt mir nicht oder nicht mehr), jede Nichtigkeit, die im Leben eines Menschen geschehen kann, in irgendeinem Netzwerk nachzulesen ist, warum sollte der Drang, alles, was dokumentierbar ist, auch zu veröffentlichen, vor diesen Dokumenten halt machen? Weil es sich nicht gehört? Weil es gegen Normen, Regeln oder gar Gesetze verstößt? Weil es gefährlich ist und den Weltfrieden gefährdet? Letztlich ist allen klar, dass das alles heute, wo weltweite Veröffentlichung nicht mehr als einen Knopfdruck bedeutet, keine Argumente sein können.

Cablegate ist ein erster Paukenschlag oder zumindest der erste Paukenschlag, der international und von höchster politischer Ebene gehört wird. Alles, was in diesem Augenblick gesagt oder geschrieben wird, ist im nächsten Augenblick vielleicht schon öffentlich – the social way of life hat die Politik erreicht. Das Zeitalter, wo eine erfolgreiche Politik und eine erfolgreiche Wirtschaft zu einem nicht geringen Teil darauf gefußt haben, dass gewisse Dinge vor Kritikern und Konkurrenten geheim gehalten wurden, neigen sich wohl dem Ende. Wie neue und nachfolgende Erfolgsstrategien aussehen werden, ist dabei noch keineswegs geklärt.

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One thought on “#cablegate oder das Ende des Zeitalters der Geheimnisse

  • 1. Dezember 2010 um 21:30
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    Wer anderen eine Grube gräbt, sollte sich nicht wundern, irgend wann selbst hinein zu fallen…

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