Es gibt genau drei unverfängliche Themen in schwierigen Unterhaltungen: erstens das Wetter, zweitens das Wetter und drittens das Wetter. Was täten wir ohne das Wetter. Seine Allgegewärtigkeit als Gesprächsthema und gerade in den letzten Tagen als Thema unzähliger Posts und Fotos auf Facebook und Google+ oder als Hashtag in Tweets scheint eine Art letzte archaische Verankerung in Zeiten zu sein, in denen wir von Scholle, Ernte, Regen und Sonne ganz unmittelbar abhängig waren.

Zugleich ist das Wetter eine der letzten, mit vielen Communitys teilbare Kollektiverfahrung. Schon die Einführung des Privatfernsehens vor 20 Jahren bewirkte, dass eine wichtige mediale Kollektiverfahrung an Bedeutung verlor. Wenn es nicht nur 3, sondern 30 oder 300 Sender gibt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, die heute aufeinander treffen, gestern alle z.B. den Tatort gesehen haben, extrem. Unser Alltag wird medial immer diversifizierter und individualisierter. Was mich heute bewegt und beschäftigt, hängt davon ab, wem ich auf Twitter folge, welche Feeds ich abonniert habe, welche individualisierten Suchergebnisse Google mir ausspuckt, welche Apps ich auf meinem Smartphone nutze.

Aus philosophischer Sicht war schon immer ungewiß, wie viel meine Wahrnehmung und die Wahrnehmung der Person, die neben mir sitzt, miteinander gemein haben und ob wir wirklich in der derselben Welt leben. Die Social Media und die zunehmende Bedeutung von mobilen Apps zur Alltagsbewältigung haben den Gap zwischen mir und allen anderen einfach nur technisch nachvollzogen und dadurch offenbar gemacht.

Aber das Wetter! So lange du und ich beide den grauen Himmel über Ostdeutschland, Berlin, Prenzlauer Berg, Dunckerstraße, 17 sehen und kommentieren, gibt es die beruhigende Gewissheit, dass wir in ein und derselben Welt leben. Das Wetter ist neben Fußballweltmeisterschaften der letzte Garant einer gemeinsamen Welterfahrung.  Und diese ist bei saison-unüblichem Wetter wesentlich intensiver als bei einem Sommer, der einfach nur Sommer ist. Ist doch prima, das Wetter!

Hommage an das Wetter
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2 thoughts on “Hommage an das Wetter

  • 27. Juli 2011 um 22:38
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    Heute aber schloss sich das Wetter an die Diversifizierung an. Bei strahlendem Sonnenschein goss es aus Kübeln. Vor uns dicke Wolkenwand, von hinten brannte die Sonne dreißig Grad auf den Rücken, von oben eine veritable Dusche, bin ich mit drei Kindern, davon eins frisch nach verunglücktem Torschuss mit blutverschmiertem Gesicht und Knien, durch den Regen nach Hause gerannt. Während das Kind hier ein Abwschweifen vom Thema oder womöglich doch die transzendierende, gemeinsame Erfahrungswelt aller Eltern darstellt, sah das Wetter eher so aus, als böte es lokal alle paar hundert Meter eine individuelle Erfahrung, keine gemeinsame mehr.

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    • 28. Juli 2011 um 9:37
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      Aber immerhin als Thema bleibt es kollektiv brisant – trotz aller Diversifizierung. Heute in Berlin wieder subtropisch angehauchter Dauerregen.

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