Mechanische Haushaltreinigung und Digitale Dock-Adapter

Einst waren Besenstiele und Schrubberstiele mit einem Gewinde ausgestattet und Besen- und Wischaufsätze aller Fabrikate konnten beliebig aufgeschraubt werden. Wir haben in unserem Haushalt einen solchen Schrubberstiel und feudeln die Böden unserer Wohnung mit einem Gewinde-Wischmopp-Aufsatz. Lange Zeit stellte das kein Problem dar. In jedem Drogerie-Markt gab es neben den (teureren) Wischmopp-Aufsätzen des Marktführers Vileda, die mit einem nur für seine hauseigenen Schrubberstile und Aufsätze passenden Stecksystem ausgestattet sind, auch günstige Gewinde-Wischmopp-Aufsätze von No-Name-Marken zu kaufen.

Diese Zeiten scheinen vorbei zu sein und Viledas Marktbeherrschung ist nun so umfassend, dass ich neulich in den Filialen drei verschiedener Drogeriemarktketten keine Gewinde-Wischmöppe mehr finden konnte, sondern nur noch solche mit Vileda-eigener Steckverbindung. Das heißt, in Deutschland kann jetzt nur noch mit Vileda-Besenstiel und Vileda-Steckaufsatz gefeudelt werden, zumal Vileda natürlich ein Patent auf seinen Stecksystem hat und es davon keine günstigen No-Name-Nachbauten gibt.

Vom proprietären Wischmopp-Stecker zum iPhone5-Dock-Adapter

Wir konnten einer Umstellung auf dieses monopolorienterte  Stecksystem einen Urlaubsimport von Wischmoppaufsätzen aus Spanien entgehen, wo der Schraubaufsatz nach wie vor zum Standard gehört. Die Firma Vileda – „wir sind Marktführer in der mechanischen Haushaltsreinigung“  ist übrigens in Weinheim am Rande des Odenwalds in Baden Württemberg angesiedelt und in den letzten Jahren zum internationalen Konzern gewachsen. Nach wie vor ist Vileda familiengeführt, Inhaberin ist seit über 150 Jahren die Familie Freudenberger.

Wäre Vileda ein Computer-Hersteller, würde man von einem proprietären System im Gegensatz zu unserem OpenSource-Schraubmopp sprechen. Wie man damit viel Entrüstung ernten und noch mehr Geld verdienen kann, führt Apple gerade mustergültig vor. Das neue iPhone 5 ist mit einer neuen Steckerbuchse für Ladegerät und alle Kabel, das das iPhone5 mit anderen Geräten (Docking Station, Rechner, USB etc.) verbindet, ausgestattet. Das neue Stecksystem hat Vorteile für die Kundin – der Stecker ist kleiner, robuster, bedienungssicherer, denn er hat kein Oben und Unten. Eine hübsche kleine Aufmerksamkeit für Menschen im Lesebrillenalter. Für iPhone 5-Besitzer/innen, die bereits mehrere Ladegeräte, eine Autoladegerät, ein USB-Kabel usw. besitzen für ein iPhone 4, ist das neue System vor allem teuer. Sie müssen sich mindestens einen altes/neues-Stecksystem-Adapter für 29 Euro zulegen.

Image-Marktführer Apple

Muss man sich darüber entrüsten? Man kann. Muss man aber nicht. Zumal die Entrüstung nichts ändert und Apple durch die neue Buchse kaum Kunden verlieren wird.

Der Adapter-Stecker ist niemals 29 Euro wert? Der Adapter-Stecker ist so viel wert, wie die Kund/innen bereit sind dafür zu zahlen. Ob sie dabei mit den Zähnen knirschen, ist völlig irrelevant. Am Ende wird die neue Buchse wahrscheinlich noch nicht einmal Apples Ruf schaden, sondern das Image als Unternehmen, das vor Innovationen auch dann nicht zurückschreckt, wenn sie schmerzen, stärken. Apple war das erste Unternehmen, das schon Ende der 90er Jahre mit dem ersten iMac ganz auf Diskettenlaufwerke verzichtet hat und später beim MacBook Air ohne visuelles Laufwerk und mit reduzierten Steckplätzen einfach auf die zunehmende Netzabdeckung setzte. Und Recht behielt.

Denn hier ist Apple wirklich genial – während der Microsoft-Konzern, der in den 90er Jahren eine ähnliche unangreifbare Marktführerposition innehatte wie Apple, für die fehlende Kompatibiliät seiner Software mit anderen Systemen immer gehasst wurde, wird Apple für seine Exklusivität geliebt. Die 29 Euro sind schnell verschmerzt, der Ärger vergessen. Technik können andere auch, Image kann Apple einfach am besten.

 

Apple und die Wischmopp-Millionäre – OpenSource am Besenstiel
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4 thoughts on “Apple und die Wischmopp-Millionäre – OpenSource am Besenstiel

  • 25. September 2012 um 7:08
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    Guter Vergleich!

    Die sogenannte „programmierte Obsoleszenz“ ist auch etwas, worüber sich viele beschweren. Warum eigentlich sollte nach circa drei Jahren mein teuer erworbenes iOS-Gerät mit der neuen iOS-Version nicht mehr kompatibel sein?

    Die übliche Antwort ist, dass Apple seine Kunden regelmässig zur Kasse bieten will, was von Apples Perspektive durchaus Sinn macht und für einen immer in die Höhe steigenden Umsatz bzw. Gewinn sorgt.

    Ein Grund dafür ist womöglich der rasende Fortschritt der Rechengeschwindigkeit. Nicht nur bei Apple verlangt die Software bei jeder Version mehr Speicherkapazität und Rechengeschwindigkeit. Die alten Geräte kommen ziemlich schnell aus der Puste.

    Mein 2008 angeschafftes iPhone 3G (sog. 2. Generation) hatte bereits nach dem Upgrade auf iOS 4 Schwierigkeiten, mitzuhalten, so dass ich nach einem kurzen Versuch, mich an die spürbar längere Reaktionszeiten zu gewöhnen, das „alte“ iOS 3 wieder darauf installierte. (Damals war ein „Downgrade“ noch relativ einfach möglich.)

    Nach 4 Jahren treuer Dienste mit „veralteter“ Software hat mein iPhone den Geist aufgegeben.

    Ich habe es nun ersetzt… durch ein Produkt der Konkurrenz.

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    • 25. September 2012 um 12:19
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      Ich bin eher hin und hergerissen zwischen Bewunderung für die Radikalität, mit der Apple seinen Kund/innen Neuerungen (und Investitionen) zumutet und Abscheu für die raffgierige Abkassier-Mentalität, die sich momentan kein anderes Unternehmen ohne Rufschädigung leisten könnte.

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  • 25. September 2012 um 7:20
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    Also ich hatte letztes Jahr einen schmorenden Dockstecker der alten Variante (also noch die grosse) was mich in ziemlich Verzweiflung stürzte, weil ich nicht mehr den Akku aufladen konnte. Meiner Umwelt war es recht, weil ich dann im Sommerurlaub mal nicht online war. Aber bei dem Umgang was jetzt mit dem angeschmorten Stecker zu tun ist, habe ich beim Apple kennengelernt, was Kundendienst ist. Eine mich umhauende Frage, die ich sofort in meiner Repertoire aufgenommen habe, war:“Wie, Frau Ehlers“ sähe denn für Sie jetzt die beste Lösung aus?“ Die war, nach dem Urlaub ein wieder funktionierendes Iphone zu haben. „Das kriegen wir hin“ – und zu meiner Freude, weil der schmorende Stecker echt beunruhigte, ohne Kosten auf meiner Seite. In der Situation hätte ich wahrscheinlich sofot auch einen neuen Stecker gekauft.

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    • 25. September 2012 um 12:15
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      Na klar, Kundendienst ist hervorragendes Marketing. So ist jede Minute, die die Kundin kürzer in der Warteschleife hängt, für das Image einfach Gold wert. Mir ist immer wieder ein Rätsel, wie auch große Premieummarken diesen Grundsatz so drastisch ignorieren können. Und den Satz merke ich mir, der ist so einfach wie super.

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