Alternative Arbeitszeitmodelle in der Buchbranche auf der BücherFrauen-Jahrestagung

Am Wochenende war ich auf der Jahrestagung des BücherFrauen e.V. und habe dort an einer Diskussionsgruppe zum Thema Alternative Arbeitszeitmodelle teilgenommen. Ich hatte erwartet, dort würde über Dinge wie Arbeitszeitkonto, Sabbatical, mobiles Arbeiten, Home und Worldwide Office und Work & Life Balance gesprochen werden.

Geradezu erschüttert musste ich als sebstständige webagentin allerdings feststellen, dass die zentrale Frage zu alternativen Arbeitszeitmodellen eher lautete: Wie bringe ich meinen Arbeitgeber dazu mir zu erlauben, meine 50 wöchentlichen Arbeitsstunden nicht nur im Unternehmen, sondern z.B. auch zuhause arbeiten? Bezogen auf die vielen freiberuflich tätigen Frauen in der Runde war die Frage leicht abgewandelt: Wie gelingt es mir z.B. als freie Lektorin, dass ich über die ungefähr 50 Stunden hinaus, die ich arbeite, trotz mobilem Büro noch abschalten kann und die Arbeitszeit irgendwann definitiv beende? Ich war etwas fassungslos, eine von mir in den letzten Tagen im Bekanntenkreis durchgeführte unrepräsentative Blitzumfrage hat diese Gewichtung allerdings bestätigt.

Wie bitte?

Frauen, ihr arbeitet fast alle für einen eher bescheidenen Lohn und häufig auf Stellen mit extrem bescheidenen Aufstiegschancen! Und dafür arbeitet ihr dann aber locker 10 Stunden mehr als der gewerkschaftlich erkämpfte und auch für eure Branche verbindlich festgeschriebene Wochenschnitt? Und diese auch noch örtlich ans Unternehmen gefesselt und in autoritären Büro-Strukturen? Und wenn der Chef oder die Chefin sagt, „heute müssen Sie länger bleiben, das Telefon-Meeting mit den USA ist vor 20 Uhr nicht machbar“, dann akzeptiert ihr das auch ohne Überstundenausgleich?

Arbeitsbedingungen aus vor-gewerkschaftlichen Zeiten

Das sind Arbeitsbedingungen, die herrschten ungefähr zur vorletzten Jahrhundertwende in der Textilindustrie. Nur mal so en passant – wer diese Arbeitsbedinungen nachlesen möchte, kann das z.B. in Gerhart Hauptmanns Die Weber tun. Das passt hervorragend zum heutigen Tag, denn es ist der 150. Geburtstag des in späteren Jahren leider extrem nationalistisch eingestellten Autors.

Wofür werden solche Arbeitszeiten weitgehend widerstandslos akzeptiert?

Für die hehre Kultur, an deren Produktion ihr teilhaben dürft? Für den Erhalt eines Jobs in einer Branche, die allemal in den nächsten Jahren so unglaublich umgewälzt werden wird, dass wahrscheinlich nicht einmal ein Drittel der Stellen, die es heute gibt, so in 10 Jahren noch existieren werden? Für eine tolle Arbeitsatmosphäre, in der die Chefin oder der Chef selbstverständlich davon ausgeht, dass vertraglich festgeschriebene Rahmenbedingungen bei Bedarf und weil die Branche so einmalig sympathisch ist, einfach über Bord geworfen werden dürfen? Ist es so ein großes Privileg in der Buchbranche arbeiten zu dürfen?

Die Branche ist weiblich? – Na danke!

Überall in den Veranstaltungsräumen waren während der Tagung schicke Banner des Vereins mit dem Text Die Branche ist weiblich aufgestellt. Und was heißt das in diesem Fall? Dass sich Frauen besser ausbeuten lassen? Dass Arbeitskämpfe und die Erhaltung von Arbeitnehmer/innenrechten eher die Sache anderer Branchen sind?

Mit dem Thema Alternativen Arbeitszeitmodelle ist die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie eng verbunden. Schnell wurde in der Runde die immer wieder formulierte Forderung laut, dass die Unternehmen der Branche organisatorische Strukturen schaffen müssen, die solche Vereinbarkeit organisatorisch unterstützen.

Work&Life-Balance mit oder ohne Familie bei 50 Wochenstunden illusorisch

Jetzt mal Hand aufs Herz: Ein 50- oder noch mehr Stunden-Job ist mit gar nichts vereinbar, weder mit einer Familie, noch mit einem vernünftigen und berufsunabhängigen Sozialleben, wahrscheinlich noch nicht einmal mit beispielsweise dem Besitz eines Hundes. Dabei ist es ganz egal, ob die 50 Stunden tagsüber, abends, nachts oder am Wochenende gearbeitet werden. Wer mindestens 50 Stunden/Woche arbeitet, braucht das Thema Work&Life-Balance nicht mehr zu diskutieren, diese Balance ist dann sowieso schon von Grund auf flöten gegangen.

Arbeitsmodelle der Zukunft – Errungeschaften aus der Vergangenheit

Jahresthema der BücherFrauen war und ist 2012 „Arbeitsmodelle der Zukunft: Wie wollen wir arbeiten?“ – hm, so jedenfalls nicht! Vielleicht wäre es auch für BücherFrauen hilfreich, sich ein wenig auf Errungenschaften aus der Vergangenheit zu besinnen: 8-Stundentag (maximal), Recht auf Bildungsurlaub, Überstundenausgleich, Betriebsräte, Urlaubstage, mindestens tarifliche Bezahlung etc.

 

PS: Schöne Replik auf diesen Artikel von Wibke Ladwig/Sinn und Verstand: http://sinnundverstand.tumblr.com/post/35778011106/arbeitsirrsinn

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One thought on “Work&Life-Balance – 40-Stundenwoche in der Buchbranche abgeschafft?

  • 26. November 2012 um 14:44
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    Leider hört man das fast überall…unbezahlte Überstunden, die man dann „irgendwann“ mal abbummeln kann. Nur wann ist die Frage. Nicht selten hat man Ende des Jahres ein Überstundenkonto von mindestens 100 Std, die dann mit einem feuchten Händedruck abgedankt werden und auf Null zurückspringen!!!

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