Müll und der Umgang mit Müll sagen viel über die Menschen, die ihn produzieren. Deutschland wiegt sich gerne in der Illusion des sauberen Mülls. Und da sauber und Müll sich gegenseitig aufhebt, ist der Müll damit gesellschaftlich weggetrickst. Nur ab und zu taucht er in Skandalen und darüber hinaus vor allem in ärmeren Ländern, gerne mindestens einen Ozean von uns entfernt, wieder auf. In Deutschland werden Joghurt-Becher gewaschen, bevor sie in den Grünen Punkt wandern, Müllbeutel geruchssicher verschnürt, Mülltonnen mit Schlössern versehen und in abgesperrte Räume gestellt. Alles blitzsauber. Das bisschen Restmüll wird zu Fernwärme verbrannt, alles andere kommt als Klopapier oder CO2-neutrale Outdoor-Klamotte zurück in den Verwertungskreislauf. Man sieht – kaum eine Branche hat so unauffällig erfolgreich PR gemacht wie die deutsche Müllwirtschaft.

Hier in Taipei wurden Mülltonnen vor Jahrzehnten schon abgeschafft, weil das Klima Müll, der länger als ein paar Stunden irgendwo gelagert wird, einfach nicht verträgt. Statt dessen fahren Mülllaster durch die Stadt, die getrennten Müll – Plastik, Küchenreste, Papier und Restmüll, letzteren aber nur in offiziellen Taiwan-Mülltüten – entgegen nehmen. Außer Mittoch und Sonntag fahren die Müllwagen in zwei Schichten, am späten Nachmittag und am späteren Abend durch die ganze Stadt. Das System funktioniert so weit hervorragend. Wo der Müll am Ende landet, in welchen Ländern und Skandalen er wieder auftaucht, kann ich – so gut bin ich hier noch nicht informiert – noch nicht sagen. Der Müll ist jedenfalls ein Thema hier, bei 23 Millionen Einwohnern auf einer Fläche, die kleiner ist als die der Schweiz, kann es auch nicht anders sein.  So wurde in Taiwan beispielsweise  ein Baustoff entwickelt, Pollibricks, dessen Materialgrundlage Petflaschen sind. In Deutschland wartet das Material wohl noch auf Zulassung. Wahrscheinlich hätten wir es lieber selber erfunden – schon allein, weil man in einem Gebäude mehr Petflaschen unterbringt als in einer Regenjacke.

Berühmt sind die taiwanischen Mülllaster aber weniger für die logistische Höchstleistung, die sie täglich in dieser 6 Mill. Metropole erbringen, sondern weil die Müllautos ihr Kommen unverkennbar mit einer Melodie ankündigen: ausgerechnet Beethovens „Für Elise“ hört man täglich digital gedudelt in allen Straßen. Als ob das nicht allemal schon ein Ohrwurm wäre. Aber eben unverkennbar – angeblich werden zu Weihnachten aber auch mal Weihnachtslieder um zum chinesischen Neujahr traditionelle chinesische Neujahrslieder gespielt …

Bei YouTube finden sich jede Menge Filme zu diesem Alltagsevent, das auch ein soziales Event ist. Beim Müll trifft man seine Nachbar/innen, grüßt, spricht, tauscht Neuigkeiten aus, tolle Smalltalkgelegenheit in einer anonymen Millionenstadt.

Dieser Allgegenwärtigkeit der Müllentsorgung steht im Übrigen ein eklatanter Mangel an öffentlichen Mülleimern entgegen. Inzwischen trage ich meinen Straßenmüll immer nachhause – und von dort zum Mülllaster. Erstaunlich, was ein Tag in den Straßen einer Stadt von Einkaufszetteln über Bananenschalen, Getränkebecher, Taschentücher etc. etc. an Müll so mit sich bringt. Gleichzeitig ist diese Stadt, so eng und voll sie ist, unglaublich sauber – für eine Konsumkultur, in der jeder Apfel und jedes Stück Kuchen in zwei Tüten und gerne noch in eine Kiste gepackt und an jeder Straßenecke diverse togo-Getränke und Mahlzeiten verkauft werden, ein erstaunliches Phänomen. Sogar Zigarettenkippen sieht man selten auf den Gehwegen. Keine Ahnung, unter welchen Teppich der Müll hier gekehrt wird.

 

Raise the Bamboo Curtain – Müll hier und dort
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2 thoughts on “Raise the Bamboo Curtain – Müll hier und dort

  • 7. April 2012 um 13:07
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    Wer auch immer sich für „Für Elise“ als Erkennungsmelodie für das Kommen der Mülllaster in Taipei entschieden hat – abgesehen davon, was der Herr Beethoven vom Ganzen halten würde – war wohl kein sehr musikalischer Mensch, denn die Melodie bricht irgendwo ab und fängt wieder von vorne an.

    Sicherlich ist die Anzahl verfügbarer Noten begrenzt, aber nichtsdestotrotz hätte man es besser machen können…

    Als Vertreterin der deutschen Kultur vielleicht eine Beschwerde einreichen? ;^)

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  • 7. April 2012 um 13:45
    Permalink

    Elise ist einfach unverkennbar und daher so tauglich – und ich beschwere mich keinesfalls, so ist das halt bei kulturellen Adaptionen. Guck doch mal, was wir bei uns aus chinesischem Essen gemacht haben….

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