Zugegeben: Ein ganz klein wenig plümerant im Magen war mir heute morgen. Doch das war es wert.

Shumei, meine reizende Taiji-Lehrerin, nahm mich gestern mit zur Hochzeit ihres Neffen nach Yilan an der nördlichen Ostküste der Insel. Damit ich das taiwanische Essen einmal richtig kennen lerne. Und das tat ich.

Von Taipei ist man in einer guten Stunde Autofahrt in Yilan, die Fahrt führt unter anderem durch einen der sicherlich längsten Straßentunnel der Welt. Wie wir in Taipeh um 6 Uhr morgens losfahren, ist es regnerisch und – was ich im Gegensatz zu Shumei, ihrem Bruder, seiner Frau und dem 10jährigen Sohn ganz wunderbar finde – mit 22 °C wesentlich kälter als angekündigt. Nach jedem Tunnel gibt es ein kleines Gejohle und Geklatsche, weil das Wetter mit jedem durchquerten Berg immer besser wird und wir den Regen am Ende offensichtlich hinter uns gelassen haben.

Wir kommen gegen 7.30 an. Zuerst werde ich durch alle Wohnungen der Familie, Eltern, Bruder, Schwester, und des zukünftigen Ehepaars geführt. Sie liegen in einem Vorort von Yilan alle in derselben Straße. Sehr kleine Häuser, in denen große Familien leben. Taiwanische Häuser haben dort, wo bei deutschen Häusern der Vorgarten ist, einen meist vergitterten Vorhof, der zum Wirtschaften genutzt wird. In Stadtwohnungen wird hierzu der Balkon, der den typischen Wohnungen vorgelagert ist, benutzt. Aus dem Treppenhaus öffnet man eine Türe und landet zuerst auf dem Balkon, von dort kommt man in die Wohnung. Im Hof  steht oft die Waschmaschine, hängt die Wäsche, wird der Recycling-Müll gesammelt, lagern Putzuntensilien und Werkzeuge jeder Art und stehen über Nacht ein oder mehrere Motorroller – das wichtigste Fortbewegungsmittel der Insel. Wer durch taiwanische Straßen geht, wird diese daher selten schön finden, man schaut vor allem auf voll gestellte, mal mehr mal weniger aufgeräumte Höfe, Müllsammlungen oder Waschküchen und nicht auf Rosensträucher, Astern und Stiefmütterchen. Während Mercedes und MacDonalds längst im Wertekanon Taiwans angekommen sind, wartet Schöner Wohnen noch auf Anerkennung. Gewohnt wird in Taiwan funktionsorientiert pragmatisch.

Shumeis ältester Bruder ist Bauarbeiter und was man als solcher braucht, lagert im Vorhof, Baumaterial, kleinere Maschinen, Kabelrollen, Zementsäcke. Für den heutigen Tag ist alles beiseite geräumt worden um Platz für die Gäste und Hochzeitsaktivitäten zu schaffen. Die Straße vor dem Haus ist auf fast 50 Metern gesperrt, dort wurde ein großes Dach gespannt und stehen Stapel von riesigen Klapptischen und Platikhockern. Am Ende dieses Tunnels befindet sich die Hochzeitsküche, in der schon jetzt zwei Angestellten des Catering-Unternehmens für das Hochzeitsbankett Gemüse schneiden, Geflügel und Fische ausnehmen, Tofu und getrocknete Pilze einweichen, Gänse in riesigen Töpfen Gasflammen kochen.

Hochzeitsbankett Taiwan Outdoorküche

Noch ist es früh am Morgen. Shumei und ich machen einen Spaziergang, das Wohnviertel liegt fast direkt an einem Nebenfluß des Lanyang, der wenige Kilometer weiter in den Pazifik mündet. Die Gegend ist – was selten ist in Taiwan – flach und jeder nicht asphaltierte Quadratmeter wird für den Reisanbau genutzt. Wir schauen uns einen nagelneuen Tempel an, dessen Fassade  der Fertigstellung harrt, noch sind nicht ausreichend Spenden eingegangen, um den blanken Beton mit den üblichen kunterbunten Verzierungen zu versehen. Schon von weitem hört man den hier so beliebten Buddha-Pop, wohl vor allen Dingen ein Zeichen dafür, dass der Tempelwärter gerade anwesend ist. Als wir uns das Innere des Tempels anschauen, lädt er uns zum Tee, meine erste kleine Teezeremonie hier. Die Musik schaltet er so lange aus.

Weswegen ich hier sei, möchte er wissen, ein älterer Mann in blassgelber Hose und Sweatshirt, wüsste man nicht, dass es seine Tempelkluft ist, würde man es Jogging-Anzug nennen. Ein weiterer älterer Mann sitzt in gleichem Outfit mit am Tisch, redet nicht und beschränkt sich darauf den Tee zu bereiten und die kleinen Tassen immer wieder mit frisch aufbebrühtem Oolong zu füllen. Riechen, Tasse heben, bedanken, trinken. Nachfüllen.

Ich, die Ausländerin, sei hier um Taiji zu lernen. Ältere Menschen freuen sich darüber immer sehr, Junge wundern sich eher, Taiji ist doch das, was alte Leute morgens im Park machen? Und das drei Monate lang hier lernen? Wenn man in Deutschland einen Chinesen träfe, der drei Monate lang alles über das Rasenmähen in deutschen Kleinstädten lernen möchte, wäre die Reaktion wahrscheinlich verständnisvoller. Älteren Menschen leuchtet hingegen sofort ein, was ich möchte, die Reaktion ist sehr respektvoll, wenn nicht gar bewundernd, stolz über die eigene Kultur. So auch hier, jaja, Taiji und vor allem das taoistische Atmen ist schon sehr wichtig. Sein Bruder hatte einen Herzinfakt und hat mit Atemübungen seinen Bluthochdruck in den Griff bekommen. Und auch er selbst macht Taiji, kann damit seinen Puls beruhigen, das ist sehr gut für die Gesundheit. Noch ein Tässchen Tee. Als wir uns verabschieden, müssen wir den Tempel durch die linke Tür verlassen, betreten haben wir ihn durch dir Rechte – Eintreten durch die Tür des blauen Drachens (Yang), Aufbrechen durch die Tür des weißen Tigers (Yin). Von Osten nach Westen, wer möchte schon dem Lauf der Sonne widersprechen?

Wir kommen genau richtig zur Hochzeitsgesellschaft, die inzwischen auf ungefähr 20 Personen angewachsen ist, zurück, um im Hof von Shumeis Bruder bei der Bereitung von Tangyuan, 汤圆, einer Suppe mit pinkfarbenen Reismehlklößen, zu helfen. Eine Verwandte hat den Teig mitbebracht, der nun zu kleinen Kugeln von ca. 2 cm Durchmesser gerollt werden muss. Die Frauen sind allesamt hier beschäftigt, während die Männer stehen, rauchen, die Abfahrt der Braut und des Bräutigams mit Feuerwerkskörpern beknallen, stehen, rauchen, reden.

Tangyuan rollen

Sehen durfte die Braut heute morgen noch niemand der Gäste, das bringt Unglück, genauso, wie ich die Wohnung der Braut nicht hätte betreten dürfen, wäre ich im Jahr des Tigers geboren. Ich bin Pferd und durfte das neu eingerichtete Schlafzimer und den Wohnraum mit Kunstledersofa und riesigem Fernseher daher bewundern. Dort lief Baseball, taiwanischer Nationalsport, und auf dem Sofa saß der Bräutigam, noch in Jeans und Badelatschen mit seinen Freunden. Im abgeschlossenen zweiten Zimmer wurde die Braut geschminkt und geschmückt.

Hunderte von rohen rosa Klößchen  werden nun in Wasser gekocht, wo sie ihre Farbe von Zartrosa auf Magenta ändern und auf das dreifache Volumen anschwellen. Serviert werden sie in einer Suppe aus Wasser, Rohrzucker und getrockneten Früchten. Rot ist die chinesische Glücksfarbe und je mehr von der Suppe essen, desto mehr Glück bringt es dem Brautpaar. Für alle Gratulanten des Tages stehen verschließbare Pappbecher, in denen man ihnen die Suppe mit auf den Weg gibt, bereit.

Natürlich teste ich sie auch, sie ist klebrig süß und die Magenta-Klöße haben die Konsistenz von warmen Gummibärchen im Regen – hierzulande ein sehr beliebter Aggregatszustand von Speisen. In Taiwan liebt man alles, was sich mit der Zunge zerdrücken lässt, ob süß, salzig, geschmacksneutral, mit Algenaroma oder scharf gewürzt.

Tangyuan gekocht

Zu Teil 2: Grasp the Sparrows Tail

Hands Billowing like the Clouds – das Hochzeitsbankett Teil 1
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2 thoughts on “Hands Billowing like the Clouds – das Hochzeitsbankett Teil 1

  • 16. Mai 2012 um 16:36
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    lecker! das ist doch mal wirkliche Vielfalt am Tisch — und so schön bunt! Ich wär‘ dabei! Auch wenn diese Magentabällchen mich eher abschrecken. Du wirst dich an hiesigen Tischen langweilen, wenn du wieder da bist, fürchte ich…
    Es grüßt aus der Ferne:
    Kirsten

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  • 17. Mai 2012 um 4:16
    Permalink

    Na ja, ich sitze ja nicht täglich beim Hochzeitsbankett, der Alltag ist Nudelsuppe und Reis mit Gemüse und wahlweise Fisch oder Hähnchen. Manchmal auch Teigtaschen, jedenfalls wird der Hummer nicht täglich aufgetragen.

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