30 Jahre Windows und meine erste Computer-Begegnung

Morgen ist das 30jährige Jubiläum von Microsoft Windows. Happy Birthday? Ja – denn ein Jubiläum ist dann eines, wenn es sofort Geschichten und Erinnerungen aufsteigen lässt.

Bei mir stieg das Bild einer schwarzen Tastatur und eines rechteckigen Hart-Disketten-Formats auf, das sich später nie durchsetzen konnte:

1988. Sommersemesterferien, die ich bei meinen Eltern verbringe. Im Nacken sitzt mir der Abgabetermin für eine Seminararbeit im germanistischen Teilfachbereich Neuere Deutsche Literatur im Proseminar über „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ von Rainer Maria Rilke. Dozentin ist Prof. Anke Bennholdt-Thomsen, eine der ersten Literaturprofessorinnen an der Freien Universität Berlin und durchaus feministisch engagiert. Damals sah ich das ein wenig anders, aber das war insgesamt ein Problem dieser Zeit. Die wenigen erfolgreichen Frauen, die Karriere gemacht hatten, wurden von uns jungradikalen Feministinnen extrem kritisch beäugt und mit Ansprüchen überfrachtet.

Heute sehe ich in meiner kurzen Recherche, die ich gerade durchgeführt habe, dass es inzwischen einen Lyrikpreis der Deutschen Schillerstiftung gibt, der nach Anke Bennholdt-Thomsen benannt ist, der alle zwei Jahre und ausschließlich an Frauen verliehen wird.

Sei keine Memme, setz dich an den Computer

Die elektrische Schreibmaschine meines Vaters erwies sich als defekt und so bot ein Lehrer-Kollege meines Vaters an, mir einen Computer zu leihen. Er war EDV-Fachmann der Schule und konnte mir, da Schulferien waren, einen der Schulcomputer anbieten. Ich hatte noch nie an einem Computer gesessen, wollte aber keine Memme sein und sagte sofort zu. Eine Freundin, die ich in mancherlei Hinsicht bewunderte, mit der ich in anderer Hinsicht konkurrierte, hatte mir kurz zuvor erzählt, sie schriebe ihre Arbeiten jetzt nur noch am Computer. Dahinter wollte ich auf keinen Fall zurückbleiben.

Doch, Role Models beflügeln. Und ja doch, auch Konkurrenz beflügelt.

Der Schneider CPC6128

Das Betriebssystem dieses damals recht verbreiteten Computermodells der Firma Schneider ist längst ausgestorben. Wenn ich mich recht erinnere, gab es wie zu dieser Zeit üblich zwei Laufwerke, eines für das Textverarbeitungsprogramm, eines zum Abspeichern meiner Datei. Der Kollege erklärte mir kurz die Funktionen. Ich glaube, das dauerte ungefähr eine viertel Stunde. Dann schrieb ich. Über das Parisbild von Malte Laurids Brigge und den Werkstattcharakter des Romans, der durch zahlreiche Brüche durscheinen lässt, dass er gemacht, geschrieben, konstruiert ist. Titel frei nach Fassbinder „Die Stadt, der Müll und der Tod“. Wenn ich mich recht erinnere, gab es mehrere kritische Situationen, in denen mir der Kollege – offensichtlich erfolgreich – telefonischen Support gab.

Drucken konnte ich erst ganz am Ende. Dafür fuhr ich zu dem Kollegen, der das gleiche Computermodell und einen Nadeldrucker besaß. Wir druckten die Arbeit aus. Ich hatte einen Korrekturdurchlauf, dann wurde nochmals ausgedruckt und diese Version wurde dann abgegeben. Ich fands genial. Für mich, die ich nur mit zweieinhalb Fingern tippen konnte und bei jedem fünften Buchstaben daneben traf, war der Computer und die dauerhafte Möglichkeit zur nachträglichen Korrektur einfach genial.

Computer-Hopping als Denkprinzip

Ich schwor, nie wieder eine Hausarbeit ohne Computer zu schreiben. Da ich selbst noch lange keinen eigenen Computer besaß, schrieb ich an allen möglichen Computern von Freundinnen und Bekannten. Das waren die unterschiedlichsten Modelle mit den unterschiedlichsten Programmen und Speichermedien. Vielleicht habe ich mir durch diesen häufigen Arbeitsplatzwechsel sehr schnell eine pragmatische Herangehensweise an Computer und Programme angewöhnt:

Computer, egal welcher Machart, können bestimmte Dinge. Ich brauche eine dieser Funktion und  der Computer soll sie mir liefern. Wie und auf welcher Oberfläche er das macht, ist mir egal. Ich habe immer nach Funktionen und Funktionsgruppen, nicht nach bestimmten Buttons, Ansichten oder Anordnungen gesucht.

Dabei war mir immer klar, dass der Computer, erst das Desktop-Modell, dann das Laptop, dann Smartphone und Tablet meine Dienstleister sind. Keine Feinde, kein Spielzeug, keine Partner, keine Verlängerung meiner selbst. Meine Beziehung zum Computer war also immer eine von Kundin zu Auftragnehmerin.

Ich bin Digital Client, nicht Digital Native. Und das ist auch gut so.

 

 

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