Klar, als die webagentin bin ich eigentlich immer online. Das ist mein Beruf.

Ich arbeite online, online bilde ich mich weiter, online recherchiere ich, buche Fahrkarten und Flüge, kaufe ein, schaue fern, koche nach Rezepten, die ich online finde. Mein Smartphone liegt nachts neben meinem Bett und rar sind die Tage, an denen ich nicht kurz vor dem Einschlafen noch einen Blick auf Facebook, Instagram, Mails oder letzte News werfe.

Unfreiwillig offline sein nervt mich, blockiert nicht nur meine Arbeit, sondern auch meine Freizeit. Offline sein hindert mich an der Umsetzung von Ideen und Interessen, am Kontakt mit Freundinnen, verwehrt mir Information übers Kinoprogramm, Verkehrsverbindungen – die Liste ist beliebig lang.

Nichts hat mein Leben in den letzten sieben Jahren so sehr verändert wie mein Smartphone, das es mir ermöglicht, fast non-stop online zu sein. Glücklich macht mich diese Aussage nicht.

Ich bin 50 Jahre alt und eindeutig in der zweiten Lebenshälfte angekommen. Ich praktiziere täglich Taijiquan und Qigong. Ich meditiere regelmäßig, ich mache eine Ausbildung zur Qigong-Lehrerin. Ich habe in den letzten sieben Jahren eine Auszeit in Spanien verbracht und fast ein halbes Jahr in Taiwan gelebt. Ich habe Weiterbildungen entwickelt, bin umgezogen, habe mir das erste Auto meines Lebens angeschafft, habe mein Unternehmen vorangetrieben, habe Höhen und Tiefen in meiner Partnerschaft durchlebt.

Aber nichts hat mein Leben so sehr verändert wie mein Smartphone?

Jedenfalls verbringe ich mehr Zeit mit meinem Smartphone als mit Taijiquan oder Qigong. Ich verbringe mehr Zeit mit meinem Smartphone als damit, Bücher zu lesen (auch wenn ich manchmal Bücher auf meinem Smartphone lese).

Ich denke online, online ist mein Normalzustand, offline empfinde ich mich als defizitär. Ohne Smartphone unterwegs zu sein, macht mich extrem unruhig.

Bisher habe ich diese Veränderung entweder selbstverständlich oder mit einer etwas ratlosen Verwunderung hingenommen – und gleichzeitig kluge Passagen darüber in meinen Unterrichtsskripten und Blogposts geschrieben. Ich habe schon vor Jahren von Filterblasen gesprochen ohne das Wort zu kennen. Und ich habe darüber nachgedacht, was Vermündlichung der Sprache via Social Media mit der Schriftsprache und schließlich der Literatur wohl machen wird.

Ich habe schon früh in der Nutzung und Auswertung großer Datenmengen eine Gefahr für den produktiven Zufall als entscheidender Entwicklungshelfer für die Menschheit gesehen. Doch das große Unbehagen über die Abhängigkeit vom Smartphone, das mich in den letzten Monaten befallen hat, ist neu.

Das gesellschaftliche Phänomen – das mit Fake News, Echokammern, twitternden US-Präsidenten und Studien, die belegen, dass junge Menschen Werbung und News kaum mehr auseinanderhalten können, eher bedrohlicher geworden ist – ist von meinem persönlichen Leben überlagert worden. Wie ein Fremdorgan, gegen das ich nach Jahren der guten Verträglichkeit allmählich Abstoßungsreaktionen entwickle.

Die staunende Freude an einer entscheidenden Entwicklung der menschlichen Kultur teilzuhaben, die ich bei aller Technik-Kritik immer empfunden habe, hat einen leicht schalen Beigeschmack bekommen. Den Perma-Online-Status begleitet ein starrer, schräger Unterton.

Das musste jetzt einfach gesagt sein. Ich bleibe die webagentin. Ich bleibe hellwach, kritisch und analysefreudig in meinem Blick auf Social Media und Big Data.

Ich netzwerke und kommuniziere weiter über Facebook, Instagram, Twitter. Ich werde das auch mit Spaß und Vergnügen tun. Doch werde ich auch dem Unbehagen Raum geben.

Und werde den Offline-Status öfter ertragen lernen. Und bin gespannt darauf.

So viel zu 2017 und meinen Vorsätzen im 10 Jahre iPhone Jubiläumsjahr.

Und euch allen auch ein tolles Jahr!

 

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