Konzerne entdecken die neue Langsamkeit

Manchmal gibt es seltsame Synchronizitäten. Da kommt in der letzten Woche eine Überweisung tagelang nicht beim Empfänger, einer Versicherung, an. Die nette Bearbeiterin erklärt, dass seit der technischenn Sepa-Umstellung einfach alles länger dauert. Büchersendungen, die über die Post versendet werden, dauern in diesem Jahr schon mal eine Woche, früher konnte man sich auf max. 2 Tage fast verlassen. Amazon benötigt oft 7-8 Tage um gewisse Bücher versandfertig zu machen und das in Zeiten, in denen meine Buchhandlung mir jedes Buch innerhalb von 24 Stunden besorgt. Die Bahn scheint 2014 die Geschwindigkeit des mobilen Datentransports insbesondere aus und in ICEs nochmals verlangsamt zu haben. Der Berliner Großflughafen wird trotz offensichtlich riesigem Bedarf in einer provozierenden Langsamkeit gebaut und nachgebessert.

Was ist los? Ist ein neues Zeitalter der Entschleunigung angebrochen?

Zeit ist nicht Geld sondern eine Ware

Ich fürchte nein. Statt wird der alte Slogan „Zeit ist Geld“, geboren in den Automatisierungsschüben des 20. Jahrhunderts, entstaubt und für’s 21. Jahrhundert aufpoliert. Zeit ist nicht nur Geld, sondern Zeit, und vor allem Nicht-Zeit, also Zeitersparnis, ist ein Ware. Also werden künstliche Zeit-Engpässe geschaffen. Maximale Leistung gibt es nur gegen Aufpreis. Ansonsten wird gedrosselt (René Kohl analysiert das im Buchhandelskontext sehr klug).

 Spätrömische Dekadenz

Verkauft wird also etwas, was es nicht gibt, d.h. Zeit, während der man nicht warten muss, negative Zeit. Das ist natürlich Quatsch, weil die Zeit so oder so vergeht und nicht gespart werden kann. Das Prinzip, aus Geschwindigkeit Geld zu machen ist natürlich nicht ganz neu. Neu scheint mir der Ansatz den bereits bestehenden Standard herunter zu schrauben und zu sagen – wer ein normales Leistungsniveau möchte, muss ab sofort draufzahlen. Mittelmäßige Qualität wird zum Standard. Und da schießt mir plötzlich die FDP, ja, wirklich, ich meine diese Partei, durch den Kopf. Erinnern Sie sich an die spätrömische Dekadenz Westerwelles? Dass, wer Wohlstand ohne Anstrengung verspreche, zu spätrömischer Dekadenz einlade?

In leichter Abwandlung könnte man sagen: Wer Gewinn mit immer weniger Anstrengung verspricht, lädt ein zu spätrömischer Dekadenz. Konzerne in spätrömischer Dekadenz – das wär‘ doch mal ein Thema für die nach neuer Identität suchende FDP.

Während ich gute Miene zum bösen Spiel mache und unterwegs im Zug dann irgendwann offline arbeite. Und das kommt mir vor wie Trapezturnen ohne Netz. Irgendwie dekadent, aber kreativ!

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