Seit ein paar Tagen bin ich in Bergen rund um Taroko und Hehuanshan  (=harmonische Freude Berg) unterwegs und die Gegebenheiten des öffentlichen Nahverkehrs – den ich insgesamt hervorragend organisiert finde – bringen es mit sich, dass ich hin und wieder trampen muss.

Bus im Nationalpark Taroko/Taiwan

Schon im Vorfeld war ich überzeugt, dass es damit eigentlich keine Probleme geben dürfte, eine Frau in den besten Jahren mit Rucksack, Wanderstöcken und dazuhin noch eine Langnase, da kann man nur anhalten.

Beim ersten Versuch hält auch gleich das vierte Auto, eine uralte Toyota-Limousine und eines jener Modelle, die nie auf dem europäischen Markt erschienen sind. Der Fahrer ist offensichtlich ein ganz einfacher Mann mittleren Alters mit Händen, die von Jahrzehnten körperlicher Arbeit zeugen. Auf dem Rücksitz steht ein Käfig, in dem ein Taubenpaar turtelt. Apropos Hände – gepflegte Hände und noch mehr lange und gepflegte Fingernägel sind in Taiwan ein klares Zeichen von hohem sozialen Status. Wer körperlich arbeitet, ob er mauert, schraubt oder gräbt und pflanzt, kann keine langen Fingernägel haben. So haben hier auch Männer sehr lange, auffällig gepflegte Hände und Nägel – sicheres Zeichen für einen wohlsituierten Job. Vom letzten Meister des von mir praktizierten Taiji-Stils gibt es beispielsweise Fotos, auf denen seine extrem langen Fingernägel, wie sie in Deutschland auch bei Frauen nur noch selten und dann oft in künstlicher Form anzutreffen sind, ins Auge stechen.

Mein Toyota-Fahrer hat mich auf den Rücksitz verfrachtet, ich sitze neben den Tauben und angesichts der Situation verzichte ich auf meinen Trick zur Sympathiegewinnung, den ich hier ganz schnell gelernt habe. Hat ein Mann ein Auto und er kann sonst kein Wort Englisch, wird er „oh, nice car“ trotzdem immer verstehen und jede schwierige Situation gestaltet sich sogleich ein wenig einfacher.

Ich bin auf dem Weg nach TiangXiang, der Fahrer versteht kein Englisch und auch meine Aussprache des taiwanischen Orts kaum, ich seine auch nicht, da es aber gar nicht so viele Möglichkeiten gibt, wo ich hinwollen könnte, einigen wir uns schnell auf einen Ort eher schwammigen Namens. In Taiwan wird ja mitnichten nur chinesisches Mandarin gesprochen, es gibt außerdem Taiwanisch und das in vielen Dialekten, in denen nicht viel an Chinesisch erinnert. Darüber hinaus ist die Gegend, in der ich gerade bin, geprägt von den nur noch wenigen Ureinwohnern der Insel, die wiederum eigene Sprachen haben. Rund um Taroko gibt es auch Reservatsland, das für Touristen gesperrt ist. Die Geschichte dieser Menschen ist ähnlich traurig wie in anderen kolonialisierten Ländern auch. Erst wurden sie von wechselnden Eroberern beinahe ausgerottet, dann diskriminiert, an den sozialen Abgrund gedrängt, und nun gibt es staatliche Programme, in denen ihre traditionelle Landwirtschaft etc. gefördert wird. Ich sehe vor allem viele sehr sehr arme Ureinwohner-Familien. Der Tourismus im Taroko-Tal ist ein wichtiger Wirtschaftszweig gerade auch für die Ureinwohner – kein Hotel ohne abendliche Tanz- und Gesangsshow, kein Busparkplatz ohne Souvenirgeschäft, in dem nicht Angehörige der Ureinwohner traditionelle Webartikel (gemischt mit Andenken-Kitsch made in China) zu satten Preisen verkaufen. Auch das ist Teil von Förderprogrammen.

Taroko-Schlucht, durch die die Straße führt

Die Straße nach TianXiang, wo ich hinmöchte, führt durch eine bombastische Schlucht, auf beiden Seiten senkrechte Felswände, in die die Straße hineingesprengt ist, allemal nichts für schwache Nerven. Momentan gibt es einige Baustellen, an denen die Straße nur einspurig zu befahren ist. Bauarbeiter, im Übrigen auch Bauarbeiterinnen, die meisten gleichfalls Ureinwohner/innen, regeln den Verkehr. So müssen wir öfter anhalten. Schon beim ersten Stop hat mein Fahrer enorme Probleme, den Wagen wieder in Gang zu bringen. Ich möchte schon aussteigen, offensichtlich ist das Getriebe oder die Kupplung kaputt, der Gang fasst nicht mehr, wir bleiben trotz Gas einfach stehen bzw. rollen langsam auf den Bus hinter uns zu, der inzwischen schon hektisch hupt. Da steigt mein Fahrer aus, erklärt dem Busfahrer irgendetwas, was ich nicht verstehe, woraufhin der Bus – und drei weitere Busse hinter uns an uns vorbeifahren. Nun ist hinter uns Platz, der Fahrer lässt den Wagen nach hinten rollen, haut den Gang rein, gibt Vollgas – wir fahren! Super, wir haben keinen akuten Schaden, sondern einfach nur ein Auto, das Spezialbehandlung benötigt! Kommt der Wagen nicht ganz zum Stehen, stehen die Chancen gut, dass wir ohne Rückwärtsroller wieder anfahren können, können wir vorwärts bergab anrollen, ist alles sowieso kein Problem.

Ich habe sofort so einen Mitgehangen-Mitgefangen-Reflex – aussteigen geht jetzt nicht mehr, da muss man durch. Wo der Fahrer – das wird mir jetzt erst klar – extra für mich das Risiko des Anhaltens auf sich genommen hat. Also fahren wir, halten wir, ich auf der Rückbank fiebere mit, mache Brummgeräusche, wenn wir anfahren, klatsche, wenn es klappt. Um nicht anhalten zu müssen, überholen wir schon mal auf eher sehr enger Strecke ein paar stehende Wagen und Busse. So kommen wir ganz gut voran und mein Fahrer scheint auch seinen Spaß dabei zu haben.

Am Fuße von TianXiang lässt er mich aussteigen, hier kann er noch gut vorwärts anrollen, der Ort selbst liegt an einer steil nach oben führenden Stück Straße. Mögen Verkehr und Steigungen ihm weiterhin gnädig sein.

Shakadang-Trail, Wanderung im Taroko Nationalpark

Straddle the Tiger, Climb the Mountain – gute Menschen, schlechte Autos
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