Vor ein paar Wochen besichtigte ich mit einer taiwanischen Bekannten, die mit einem Deutschen verheiratet ist, einen buddhistischen Tempel. Sie könne mir leider gar nicht viel dazu erklären, denn sie sei, genauso wie ihre Eltern, Atheistin. Nur vor Prüfungen und anderen wichtigen Anlässen, würde auch sie mal beten gehen. Hier in diesem Tempel sei z.B. ein Altar für einen Gott, zu dem die Frauen beten, wenn sie auf der Suche nach einem Mann sind. Dort sei sie vor ein paar Jahren auch hingegangen und habe um einen schönen Mann gebeten.

„Prima“, sage ich und zeige auf ihren Gatten, der uns begleitet, „das hat ja dann tatsächlich geholfen.“

Sie schaut mich etwas konsterniert an und meint, „Nein, eben nicht. Der zählt nicht. Dieser Gott ist ja für die Männer hier zuständig und ich habe ihn um einen schönen Mann gebeten – statt dessen habe ich einen deutschen Mann zu bekommen.“

Als ich Shumei, meine Taiji-Lehrerin fragte, ob sie gläubig sei, meinte sie, na ja, das sei so eine Sache. Es gebe ja doch wahnsinnig viele Menschen und nicht so viele Götter. Folglich seien die Götter total überlastet und daher habe sie beschlossen, dass es für alle Seiten besser ist, wenn sie sich erst einmal selbst um sich kümmert, um den Göttern die Arbeit zu ersparen. Bisher habe das auch ganz gut funktioniert.

Heute entschuldigte sich ein Taiji-Schüler für Montag nächste Woche, weil sein Sohn am nächsten Tag wichtige Prüfungen habe. Da müsse er mit ihm in den Tempel fahren und für gute Noten beten. Dann lacht er wie über einen guten Witz und macht die Bewegung des Betens, das Verbeugen mit geschlossenen Händen nach.

Keiner der drei ist naiv oder dumm. Religion hat hier einfach eine enorme Alltagspräsenz, hat sehr viel mit Tradition und oft weniger mit Frömmigkeit zu tun.

An jeder Straßenecke ist ein Tempel, mindestens einmal in der Woche stolpere ich in einen religiösen Umzug mit bombastischen überlebensgroßen Figuren, Feuerwerk und lauten Trommeln, Gong, Klangbecken und Glocken. Vor vielen Wohnungen und Läden steht in kleiner Metallofen, in dem morgens Geistergeld verbrannt wird, für die Ahnen, für die Götter. Mönche und Nonnen sind im Straßenbild völlig normal. Gleichzeitig ist Taipei eine moderne Großstadt und Taiwan ist eine zwar junge, aber moderne und funktionierende Demokratie. Doch auch Religion, Buddhismus, Taoismus und darin verwobener Götter- und Geisterglaube alter Traditionen, sind allgegenwärtig und scheinen problemlos den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft zu haben.

Ich mag diesen unaufgeregten Alltagsbuddhismus und bin sicher, dass ich neben Nudelsuppe, heißen Quellen und Shumei vor allem den Duft der Räucherstäbchen vermissen werde.

P.S. Trotzdem freu ich mich auf Zuhause! Vorauseilendes Vermissen bei gleichzeitiger Vorfreude ist ein tolles Gefühl.

 

 

 

 

Turn, Form a Cross, Bend Forward – Alltagsbuddhismus im 21. Jahrhundert
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