Von der Learntec in Karlsruhe – der erste Tag

Guenther Oettinger ist per riesiger Video-Leinwand im Trendforum der Messehalle zugeschaltet. Obwohl inzwischen Kommissar für Digitales und obwohl einst Ministerpräsident Baden Württembergs, wo die Learntec stattfindet – ich bin befremdet. Das Befremden setzt sich beim nachfolgenden Redner, Jürgen Kaube, Mitherausgeber und Feuilleton-Chef der FAZ, nahtlos fort. Bin ich hier, um die modernen Einsprengsel im betulich-humanistischen Bildungsansatz von mehr oder weniger älteren Herren honorieren zu können?

„Lesen. Schreiben. Rechnen. Was ist das?“ heißt der Vortrag von Kaube. Verheißungsvoll. Und genau genommen ist Kaube auch ein wirklich kluger Mann, der nur offensichtlich viel besser lesen, schreiben, rechnen und denken kann als reden. So schweife ich ab, twittere und poste während der etwas umständlichen Schleifen seines Vortrags und fühle mich durchaus ertappt, als er darauf hinweist, dass die maximale Aufmerksamkeitsspanne bei Lernvideos und Vorträgen heute sechs Minuten beträgt. Au weia, so lange habe ich nicht durchgehalten.

Generation Rechenschieber

Aber ich steige mindestens alle sechs Minuten kurz wieder ein, um zu hören, ob Kaube in seinen Ausführungen bereits im 21. Jahrhundert angekommen ist. Ja, ist er. Und erzählt, was seine Tochter in der vierten Klasse lernt. Ich schweife wieder ab. Mit halbem Ohr höre ich, dass er über mehrsprachige Gedichtanalysen spricht, Bildungsziele differenziert und – völlig zurecht – beschreibt, wie der Rechenschieber, der unserer Generation (in den mittleren 60er Jahren geboren) das Rechnen erleichtern sollte, eines der Werkzeuge ist, das so aufwendig zu bedienen ist, dass der Erleichterungseffekt gen Null tendiert.

Soziale Grammatik

Dabei ist Zeit genug, diesen herzallerliebsten Facebook-Post meiner FB-Freundin A. zu liken und zu kommentieren:

Kind (6) zu mir (alterslos): „Ich bin eine Dame, Mister Besserwisserin!“
Ich (sichtlich gealtert): Erstens spricht eine Dame nicht mit vollem Mund, und zweitens heißt „Mister“ „Herr“. Du hast mich gerade „Herr Besserwisserin genannt.“
Kind (Null Sekunden Anlauf): „Misterin Besserwisserin!!“

Kommentar: Grandios! Sucht das Kind noch eine Onkelin?

So geht lernen auch. In einer sozialen Situation, im Konflikt, im Dialog. Grammatik. Regeltransfer – der schief gehen kann. Kaube springt jetzt vom Rechenschieber zum Taschenrechner. Was ist rechnen? Kopfrechnen oder den Lösungsprozess einer Aufgabe verstehen? Zeit für eine kurze Recherche über Jürgen Kaube. Ich stoße schnell auf seinen beim zu Klampen!-Verlag im letzten Jahr erschienenen Titel Im Reformhaus – Zur Krise des Bildungssystems

Wikipedia ist …

Ich kehre mit meiner Aufmerksamkeit zurück zum Vortrag, genau richtig um den Gedanken zu hören, den einen, der mein Hirn ins Schwingen bringt:

Vielleicht ist die Wikipedia einfach ein kultureller Taschenrechner.

Ah, das ist klug! Weil das Fakten-Wissen der Welt immer mehr wird und auch der für ein einzelnes Leben erforderliche Ausschnitt zu groß ist um es sich zu merken, gibt es für kulturelle Fakten die Wikipedia. Nicht alles lernen, sondern vieles einfach nachschlagen – und die Lernenergie eher auf das Verständnis von Entwicklungsprozessen verwenden.

Ich blättere noch kurz in der Leseprobe aus Kaubes Buch. Und stoße auf den Satz, der mir den heutigen Vormittag erklärt:

Bildungsreden haben oft etwas Deprimierendes

Stimmt, Herr Kaube. Macht aber nichts. Kluge Gedanken verzeihen auch mittelmäßige Vortragskunst, q.e.d.. Danke für den kulturellen Taschenrechner. Den nehme ich mit.

 

 

30 Jahre Windows und meine erste Computer-Begegnung

Morgen ist das 30jährige Jubiläum von Microsoft Windows. Happy Birthday? Ja – denn ein Jubiläum ist dann eines, wenn es sofort Geschichten und Erinnerungen aufsteigen lässt.

Bei mir stieg das Bild einer schwarzen Tastatur und eines rechteckigen Hart-Disketten-Formats auf, das sich später nie durchsetzen konnte:

1988. Sommersemesterferien, die ich bei meinen Eltern verbringe. Im Nacken sitzt mir der Abgabetermin für eine Seminararbeit im germanistischen Teilfachbereich Neuere Deutsche Literatur im Proseminar über „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ von Rainer Maria Rilke. Dozentin ist Prof. Anke Bennholdt-Thomsen, eine der ersten Literaturprofessorinnen an der Freien Universität Berlin und durchaus feministisch engagiert. Damals sah ich das ein wenig anders, aber das war insgesamt ein Problem dieser Zeit. Die wenigen erfolgreichen Frauen, die Karriere gemacht hatten, wurden von uns jungradikalen Feministinnen extrem kritisch beäugt und mit Ansprüchen überfrachtet.

Heute sehe ich in meiner kurzen Recherche, die ich gerade durchgeführt habe, dass es inzwischen einen Lyrikpreis der Deutschen Schillerstiftung gibt, der nach Anke Bennholdt-Thomsen benannt ist, der alle zwei Jahre und ausschließlich an Frauen verliehen wird.

Sei keine Memme, setz dich an den Computer

Die elektrische Schreibmaschine meines Vaters erwies sich als defekt und so bot ein Lehrer-Kollege meines Vaters an, mir einen Computer zu leihen. Er war EDV-Fachmann der Schule und konnte mir, da Schulferien waren, einen der Schulcomputer anbieten. Ich hatte noch nie an einem Computer gesessen, wollte aber keine Memme sein und sagte sofort zu. Eine Freundin, die ich in mancherlei Hinsicht bewunderte, mit der ich in anderer Hinsicht konkurrierte, hatte mir kurz zuvor erzählt, sie schriebe ihre Arbeiten jetzt nur noch am Computer. Dahinter wollte ich auf keinen Fall zurückbleiben.

Doch, Role Models beflügeln. Und ja doch, auch Konkurrenz beflügelt.

Der Schneider CPC6128

Das Betriebssystem dieses damals recht verbreiteten Computermodells der Firma Schneider ist längst ausgestorben. Wenn ich mich recht erinnere, gab es wie zu dieser Zeit üblich zwei Laufwerke, eines für das Textverarbeitungsprogramm, eines zum Abspeichern meiner Datei. Der Kollege erklärte mir kurz die Funktionen. Ich glaube, das dauerte ungefähr eine viertel Stunde. Dann schrieb ich. Über das Parisbild von Malte Laurids Brigge und den Werkstattcharakter des Romans, der durch zahlreiche Brüche durscheinen lässt, dass er gemacht, geschrieben, konstruiert ist. Titel frei nach Fassbinder „Die Stadt, der Müll und der Tod“. Wenn ich mich recht erinnere, gab es mehrere kritische Situationen, in denen mir der Kollege – offensichtlich erfolgreich – telefonischen Support gab.

Drucken konnte ich erst ganz am Ende. Dafür fuhr ich zu dem Kollegen, der das gleiche Computermodell und einen Nadeldrucker besaß. Wir druckten die Arbeit aus. Ich hatte einen Korrekturdurchlauf, dann wurde nochmals ausgedruckt und diese Version wurde dann abgegeben. Ich fands genial. Für mich, die ich nur mit zweieinhalb Fingern tippen konnte und bei jedem fünften Buchstaben daneben traf, war der Computer und die dauerhafte Möglichkeit zur nachträglichen Korrektur einfach genial.

Computer-Hopping als Denkprinzip

Ich schwor, nie wieder eine Hausarbeit ohne Computer zu schreiben. Da ich selbst noch lange keinen eigenen Computer besaß, schrieb ich an allen möglichen Computern von Freundinnen und Bekannten. Das waren die unterschiedlichsten Modelle mit den unterschiedlichsten Programmen und Speichermedien. Vielleicht habe ich mir durch diesen häufigen Arbeitsplatzwechsel sehr schnell eine pragmatische Herangehensweise an Computer und Programme angewöhnt:

Computer, egal welcher Machart, können bestimmte Dinge. Ich brauche eine dieser Funktion und  der Computer soll sie mir liefern. Wie und auf welcher Oberfläche er das macht, ist mir egal. Ich habe immer nach Funktionen und Funktionsgruppen, nicht nach bestimmten Buttons, Ansichten oder Anordnungen gesucht.

Dabei war mir immer klar, dass der Computer, erst das Desktop-Modell, dann das Laptop, dann Smartphone und Tablet meine Dienstleister sind. Keine Feinde, kein Spielzeug, keine Partner, keine Verlängerung meiner selbst. Meine Beziehung zum Computer war also immer eine von Kundin zu Auftragnehmerin.

Ich bin Digital Client, nicht Digital Native. Und das ist auch gut so.

 

 

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Meine heimliche Website IchHabWasZuVerbergen jetzt mit Landesverrat….

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Snaphot – Alltag einer webagentin

Neues Smartphone mit MicroSIM-Karte. Neue Karte bestellt. Was bei mir ankam, war leider keine MicroSIM-Karte, sondern eine normale SIM-Karte. Auf Nachfrage sagt mir die (sehr nette) Mitarbeiterin der Hotline: „Gibts in Ihrem Tarif leider nicht, können Sie aber im Elektromarkt aus Ihrer normalen SIM stanzen lassen“. Im Elektormarkt: Der (sehr nette) Mitarbeiter stanzt kostenlos als Service und macht die Karte dabei unbrauchbar.

Also habe ich jetzt zwei Smartphones und bin auf keinem erreichbar.

Dann komme ich heute morgen in mein Büro. Kein Internet. Anruf bei der (sehr netten!) Hotline – Diagnose: Leitung defekt. Am Donnerstag kommt ein Techniker.

Der gute alte USB-Surfstick tut immerhin noch. Mit der Hotline habe ich kürzlich telefoniert – die war gar nicht nett!

Verhalten sich Nettigkeit und Funktion umgekehrt proportional zueinander?

 

Heute startet wieder einmal ein Durchlauf meines WordPress-Workshops. Bei der Überarbeitung der Unterrichtsunterlagen blieb ich etwas länger an einer Vorwarnung hängen, die den Spagat zwischen „Einfach ausprobieren!“ und „Respekt vor Programmiercode“ ermutigend beschreiben soll. Jedes Mal frage ich mich, ob der Text noch zeitgemäß ist und jedes Mal stelle ich fest: Ja, ist er!

Der Workshop – eine Vorwarnung
Herzlich Willkommen in diesem WordPress-Workshop!

Sie werden sich fünf Wochen lang mit der Einrichtung eines Blogs oder einer Website mit dem Web Content Management System WordPress beschäftigen. WordPress ist schnell installiert, einfach zu bedienen und es gibt sehr viele praktische Funktionserweiterungen, für die keinerlei Programmierkenntnisse erforderlich sind.

Manchmal reichen diese vorgefertigten Zusatztools für WordPress jedoch nicht aus und Sie möchten individuelle Anpassungen vornehmen, für die Sie im so genannten Stylesheet und im Programmiercode der Dateien Änderungen vornehmen müssen. Sie begeben sich dann eventuell in die Welt des HTML-, CSS- und PHP-Codes. Das klingt erst einmal einschüchternd und leicht beängstigend – Hilfe, wenn ich hier etwas falsch mache, ist alles kaputt!

Und genauso verhält es sich tatsächlich! Gerade in HTML-, CSS- und PHP-Dateien genügt ein fehlendes Semikolon, eine fehlende Klammer oder ein falscher Buchstabe und schon sieht ihr Blog unter Umständen völlig zerfleddert aus.

Aber: Keine Panik! – meist lassen sich diese Katastrophen so schnell wieder beheben, wie sie eingetreten sind. Es genügt ein einfaches STRG+Z (Mac Apfeltaste+Z) um eine Eingabe rückgängig zu machen. Und es gibt Tools, die es Ihnen unmöglich machen, wichtige Daten zu überschreiben. Sollte dennoch tatsächlich etwas schief gehen, gilt:

–        Versuchen Sie kühlen Kopf zu bewahren und überlegen Sie, was Sie genau zuletzt getan haben. Schreiben Sie dies am besten auf. Wenden Sie sich dann mit dem Problem an das Fortbildungsforum, die Trainerin, an das offizielle WordPress-Forum oder andere kompetente Stellen.

–        Wenn Sie eine Original-Code-Datei bearbeiten: Speichern Sie diese zunächst unbedingt separat, wenn Sie anfangen an ihr zu arbeiten. Dann ist schlimmstenfalls am Ende alles wieder so, wie es ganz zu Beginn einmal war.

–        Dokumentieren Sie, was Sie tun, d.h., wenn Sie Code ändern, schreiben Sie immer einen Kommentar, zu welchem Zweck Sie diese Änderung wann durchgeführt haben. Hierzu später mehr.

Wesentlich unkomplizierter ist es hingegen meist, wenn Sie ein Plugin installiert haben, das nicht so funktioniert, wie Sie sich dies vorgestellt haben. Dieses können Sie dann deinstallieren bzw. deaktivieren und schon ist alles wieder beim Alten.

Also, seien Sie ruhig mutig, testen Sie aus, wie weit Sie kommen, welche Plugins Ihnen weiterhelfen – aber arbeiten Sie mit Bedacht und notieren Sie am besten ab und zu, was sie tun. Denn im Bastelrausch vergessen Sie allzu oft, mit welchem Ziel Sie ursprünglich gestartet waren. Und zögern Sie nicht, öffentliche Foren für Ihre Fragen und Probleme zu nutzen. Normalerweise gibt es einen Verhaltenscodex, der besagt, dass man dort respektvoll miteinander umgeht, sei die Frage noch so blöd. Reagiert jemand gehässig, gemein, mit Beschimpfungen etc. haben nicht Sie einen Fehler begangen, sondern die Person, die ungehalten auf Sie reagiert.

Hier mehr zum Workshop, der aber ausgebucht ist!

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Die Apple Watch ist kein Quantensprung

So richtig fetzt das nicht. Samsung, LG, Huawei usw. haben schon länger Smartwatches auf den Markt gebracht und jetzt, nach langer Ankündigung, schießt Apple sein Produkt in diesem Segment nach. Mit dem üblichen Brimborium von Apple Produktvorstellungen wurde gestern die Apple Watch in San Francisco präsentiert.

Die Apple Watch wird sein, was Apple Produkte meist sind: Besser, smarter, schneller, hübscher sexier und teurer als die Konkurrenzprodukte. Ein richtiges Aha-Erlebnis oder unglaubliche Neuinterpretation des Produkts Smartphone war das gestern aber nicht.

Apple ist das erfolgreichste Unternehmen aller Zeiten, Apple hat den Markt der digitalen Geräte x Mal revolutioniert. Und Apple kommt in die Jahre. Vom ersten Aquarium-bunten iMac über iPod, iPhone, iPad bis hin zur Apple Watch scheint es, als habe Apple die Altersgruppe, an die sich die Produkte wenden, immer mehr nach oben verschoben. Daran ändern auch lollibunte iPhones wenig. Und auch wenn die Apple Watch in Werbevideos knalljunge Skater und junge Marathonläuferinnen schmückt – die Uhr als Statussymbol scheint doch eher ein Ding fortgeschrittenerer Altersgruppen.

Apples Eintrittskarte in die Versicherungsbranche?

Was zeichnet die Apple Watch aus? Sie kann den Puls und Blutdruck messen, Kalorien und Schritte zählen, Terminerinnerungen, bei der Orientierung helfen, das Garagentor öffnen und bei der Orientierung helfen. Und es gibt sie neben einer günstigen Variante aus Alu (ca. 400 Euro) oder Edelstahl auch im Goldgehäuse für ca. 11.000 bis 18.000 $. Die offiziell anvisierte Zielgruppe sind also gut verdienende Menschen in jungen und den besten Jahren.

Mit der Apple Watch würde Apple dann die Strategie weiterverfolgen, die sich schon seit einiger Zeit zeigt: Auf den Gesundheitsmarkt setzen und damit den riesigen Markt der Krankenversicherungen erobern. Blutdruck, Kalorien und gejoggte Strecken werden gespeichert und sind Informationen, mit denen Apple selbst oder ein Partner aus der Versicherungsbranche dann risikominimierte individuelle Krankenversicherungen anbieten. Versicherungen, die dann, wenn das Risiko steigt – d.h. die Kalorien mehr, die Schritte weniger und der Blutdruck schlechter wird, also dann, wenn absehbar ist, dass die Versicherte sie braucht – gekündigt oder verteuert werden.

Die Apple Watch als Hausnotruf-Handsender

Mir drängen sich aber auch andere Szenarien als junge Business-Menschen oder Trendsport-Aktive vors innere Auge: Die Apple Watch für die Silver Surfer, wenn erste Gebrechen sich zeigen:

  • Messung von Puls und Blutdruck – super, genau das brauchen viele, wenn Herz und Kreislauf mucken
  • Ernährungskontrolle – das Produkt für Altersdiabetes
  • Terminerinnerungen – haben Sie auch Ihre Tabletten genommen?
  • Orientierung – die kann man schon mal verlieren, wenn das Gehirn ein wenig schwächelt
  • Garagentor öffnen – nur relevant für Menschen mit Eigenheim und Garage, häufiger anzutreffen bei älteren Generationen
  • Goldgehäuse – nicht ganz das Statussymbol junger Menschen

Das kann zweierlei bedeuten. Entweder Apple kommt in die Jahre und es deutet sich vorsichtig an, dass das Unternehmen den Anschluss an hippe Produkte für hippe Zielgruppen verliert. Oder Apple hat genau die älteren Zielgruppen im Blick und das Produkt genau für diese entwickelt – weil das ein ganz enormer Markt ist, der in allen alternden Industriestaaten in den nächsten Jahren enorm wachsen wird.

Apple cares for you. Apple is watching you.

Die Apple Watch als Entlastung für die pflegende Verwandtschaft und Pflegepersonal, die Apple Watch als Hilfsmittel für alternde Menschen, um sich bei schwächer werdender Gesundheit die Selbstständigkeit noch ein wenig länger zu bewahren. Die Apple Watch als Einstieg in eine neue Produktserie für die Generation an der Schwelle zum Alter – die moderne Form des Notruf-Piepers für betuchte Gebrechliche.

Und wenn letzteres der Fall ist, muss ich sagen: Chapeau! Die Apple Watch könnte doch der große Coup sein! Zukunftsorientiert, innovativ – und ganz anders, als man vermutet hätte.

 

 

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Bürogemeinschaften

Als die webagentin teile ich das Büro mit einer Web-Grafikerin und zwei Lektorinnen und Übersetzerinnen. Die sind nicht nur nette Menschen, sondern bereichern darüber hinaus meinen Alltag. Sitze ich zur Mittagssuppe am Küchentisch, liegt dort meist irgendein Buch, das ich sonst wohl nie in die Hand bekommen hätte. So griff ich heute nach einer uralten Suhrkamp-Ausgabe von „Die wilden Kinder“ von Lucien Malson, Jean Itard und Octave Mannoni. Suppe löffelnd las ich die Einführung. Klassisch strukturalistisch  und spannend.

So stieß ich auf den Satz: „Das Natürliche im Menschen ist das, was auf Vererbung beruht; das Kulturelle das, was auf dem Erbe beruht (dem kongenitalen Erbe während der Schwangerschaft, dem peri- und postnatalen Erbe bei der Geburt und während der Zeit der Erziehung).“

Primatenforschung und Frauenquote

Und nun ist just heute der Tag, an dem der Bundestag die Frauenquote für Aufsichtsräte verabschiedet hat. Die Frauenquote, die ja überhaupt nur deswegen notwendig ist, weil sich in den Köpfen so hartnäckig das Vorurteil hält, Frauen seien anders, Frauen seien schwächer, Frauen seien weniger ehrgeizig, führungsstark, weniger egoistisch, durchsetzungsfähig usw. usw. Fragt man nach, läuft es am Ende auf die Natur des Menschen heraus. Der Mensch ist eben so, die Primatenforschung wird bemüht und Phänomene angeführt, die angeblich auch bei Affen beobachtet wurde. Als seien solche Beobachtungen objektiv und nicht das Beobachtete vor allem vom Beobachtenden geprägt.

Erziehungsgrundlagen aus dem Ultraschall

Ich kann es nicht mehr hören, diese Mütter und Väter, die mir erzählen, sie hätten auch immer gedacht, alles sei Erziehung, aber sie hätten ja ihre Kinder – Junge und Mädchen – ganz gleich erzogen und trotzdem sei am Ende das Mädchen typisch Mädchen und der Junge typisch Junge geworden. Daraus folgen dann Ableitungen über die Natur der Geschlechter. Als hätten sie nicht seit der 14. Schwangerschaftswoche per Ultraschall gewusst, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, als hätten sie von da an nicht „Sohn“ oder „Tochter“ statt „Kind“ gedacht, als hätte sie nicht von diesem Augenblick an den kulturellen Unterschied zwischen den Geschlechtern als erste Kultur ihres Kindes geschaffen bzw. als Erbe weitergegeben.

Die Natur der Chefetagen

Da der Mensch von allen Tieren als das Unwissendste auf die Welt kommt, muss er auch das, das landläufig Natur genannt wird, als Kultur erlernen. Wer die Kultur ändert, kann langfristig auch die angebliche Natur des Menschen ändern. Wäre es anders, lebten wir heute noch in Höhlen. Weil wir das nicht tun und die Fertigkeiten, die in der Höhle gefragt sind, in einer digitalen Gesellschaft an Bedeutung verloren haben, ist die Frauenquote ein Schritt zur Veränderung unseres kulturellen Erbes – und eine Chance, damit auch unsere Natur zu verändern.

Ob die Frauenquote erfolgreich sein wird, weiß niemand. Aber zur Natur des Menschen gehört’s, ab und zu Dinge auszuprobieren, deren Erfolgsaussichten ungewiss sind. Wär’s anders – ich wiederhole mich – lebten wir noch in der Höhle.

In diesem Sinne – einen schönen Frauentag 2015!

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Heute in aller Herrgottsfrühe im Bus zum Hauptbahnhof. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann, Sorte massiges Tönnchen mit schlechter Laune und viel Muskelkraft. Bis ich komme, hat er den Sitz, auf den ich mich dann setze, als Beistelltisch für seine Mütze und seinen Kaffee genutzt. Genervtes Stöhnen, weil ich ausgerechnet diesen Sitz einnehmen möchte – es ist der letzte Freie im ganzen Bus. Aber immerhin, er räumt das Feld. Jetzt spielt er mit seinem Smartphone und beginnt brüllend laute schlechte Musik zu hören. Ich höre mir das eine Weile an, dann frage ich ihn zwischen zwei Titeln mit sanfter Stimme

„Können Sie sich keinen Kopfhörer leisten?“

Das gibt Ärger, natürlich. Wortwechsel. Kurz sieht es aus, als wolle er sich auf mich stürzen. Aber er schaltet die Musik aus. Angespanntes Schweigen, bis er sagt:

„Ich sag Ihnen jetzt mal: ich hab gedacht, Sie sind ein Mann. Haben Sie Glück. Wenn Sie ein Mann wären, würden Sie nicht so davon kommen, Sie sitzen hier nur noch so, weil Sie kein Mann sind.“

Mir schießt dieser wunderbare Wortwechsel aus dem Pilotfilm der Serie Damages in den Kopf, in der Staranwältin Patty Hewes den Anwalt eines Großindustriellen mit unsauberen Mitteln zur Zusage von absurd hohen Entschädigungszahlungen zwingt. Als ihm klar wird, dass er über den Tisch gezogen wurde, sagt er:

„If you were am man, I’d kick the living dogshit on you.“

Antwortet Sie: „If you were a man I’d be worried.“

Doch ich bin nicht Patty Hewes und mein Gegenüber verfügt nicht wirklich über die Impulskontrolle eines amerikanischen Spitzenanwalts.

So schweige ich. Und blogge jetzt.

P.S. #Damages ist eine us-amerikanische Serie um die New Yorker Staranwältin Patricia (Patty) C. Hewes. Gemein, genial und bösartig gespielt von Glenn Close

Beitragsbild: ©  2008 Sony Pictures Television Inc. and Bluebush Productions, LLC.  All Rights Reserved. Pitcture Shows: Patty Hewes (Glenn Close)

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Learntec in Karlsruhe

Von der Last des LebensLangen Lernens

Als die webagentin mit dem Geschäftsfeld Weiterbildung stehe ich dauernd vor der Herausforderung, mir neues Wissen zu erarbeiten. D.h. ich muss Trends verfolgen, wichtige Veränderungen und Entwicklungen der Arbeitswelt erkennen und mein Weiterbildungsangebot entsprechend anpassen.

Da Wissen immer schneller veraltet und technische Entwicklungen sich mehr und mehr beschleunigen, neige ich an schlechten Tagen dazu, mich von dieser Aufgabe überfordert zu fühlen und wünsche mir immer wieder, es möge doch bitte nichts Neues mehr passieren. Lange habe ich dieses wachsende Bedürfnis meinem fortschreitenden Alter zugeschrieben – mein Hirn wird immer voller, da ist nicht mehr so viel Platz für immer wieder neues Wissen, zumal meine Gehirnzellen wahrscheinlich allmählich langsamer arbeiten.

Exponentielles Wachstum des WeltWeiten Wissens

Das ist falsch, wie ich heute in einer Vortragsreihe „Altersgerechtes Lernen für Generationen Y bis 50+“ auf der Learntec gelernt habe. Zumindest ist es nicht nur richtig. Tatsächlich würde es mir nicht anders gehen, würde ich nicht älter werden. Denn das weltweite Wissen wächst exponentiell. Dabei wird unter Wissen einfach die Menge der weltweit vorhandenen Informationen verstanden, worüber man natürlich streiten kann. Momentan verdoppelt sich dieses Wissen etwa alle ein bis zwei Jahre, während vermutet wird, dass sich das Wissen nach Christi Geburt nach 1600 Jahren das erste Mal verdoppelt hatte. Wird das Internet der Dinge erst einmal in den Alltag eingezogen sein, ist mit einer täglichen Verdopplung der weltweit vorhandenen Informationsmenge zu rechnen.

Es ist also allemal unmöglich mit einem kleinen menschlichen Gehirn mit dem Wachstum des Wissens Schritt zu halten. Vorhandene Information bringt zwangsläufig neue Informationen hervor und so wird dieses Wachstum so schnell auch nicht rückläufig werden.

Curation is King

Lernen kann also weniger denn je die persönliche Ansammlung von Wissen bedeuten, sondern immer mehr die Fähigkeit des Priorisierens, des Ordnens und des Selektierens  – Contet Curation im Gehirn. Das sind Fähigkeiten, die mit dem Alter zunehmen können. Nicht automatisch, sondern der Not gehorchend. Die mechanische Intelligenz, die uns befähigt, Wissen aufzunehmen, zu verstehen und zu speichern, nimmt im Alter tatsächlich ab. Wer das ausgleichen möchte, muss seine Fähigkeit, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, ausbauen. Wesentlich ist das Wissen, das ich benötige, um meine eigene Handlungsfähigkeit, sei es die berufliche, die private, die politische oder die emotionale aufrecht zu erhalten oder zu stärken. Tatsächlich ist solcher Pragmatismus, der darauf fußt, die Spreu vom Weizen trennen zu können, eine Fähigkeit, die sehr stark von Lebenserfahrung genährt wird. Und Lebenserfahrung wächst tatsächlich fast automatisch mit zunehmendem Alter.

Prozesse des Alterns als didaktische Methoden nutzbar machen

Curation-Kompetenz wird also als berufliche Qualifikation immer wichtiger und ist eine Fähigkeit, die ältere Menschen jüngeren Menschen oft voraus haben. Würde man also zur der Entwicklung neuer didaktischer Methoden detailliert erforschen, wie und durch welche Faktoren die Curation-Kompetenz im Prozess des Älter-Werdens  zunimmt, könnte man daraus vielleicht die didaktischen Modelle entwickeln, die junge und kommende Generationen befähigen, trotz des weltweiten exponentiellen Wissenswachstums, handlungsfähig zu bleiben.

An dem Forschungsprojekt würde ich mich gern beteiligen!

Learntec in Karlsruhe

Integration auf württembergisch

Zuvor ein Besuch bei meinen Eltern in Heilbronn. Dort lese ich die lokale Tageszeitung „Heilbronner Stimme“ und finde darin ein Interview mit der Integrationsbeauftragten der Stadt Heilbronn „Pegida-Stimmung passt nicht hierher“. Für alle, die weniger im Bilde sind: Heilbronn ist eine der biedersten Städte Württembergs, saturiert, mit großer Industrie wie Audi, Südmilch, Kolbenschmidt im direkten Umkreis. Und weil diese Industrie schon seit den 60er Jahren Arbeitskräfte benötigte, ist die Region schon immer eine Einwanderungsgegend, in der sich die Phasen der Einwanderung in Deutschland ganz wunderbar statistisch beobachten lassen. So ist Heilbronn zu einer Stadt geworden, in der 48% der Einwohner/innen einen Einwanderungshintergrund haben.

Und – man ahnt es: Pegida, geschweige denn Heigida oder ähnliches kommt hier, zumindest sichtbar auf den Straßen, nicht vor. Man kann von der schwäbischen Maxime, Schaffe, schaffe, Häusle baue, halten, was man will. Doch sie hat integratives Potenzial: Wer schafft, ghert zu ons.

Aus gutem Grund bin ich vor 30 Jahren aus diesem Landstrich geflohen. Aber manches mag ich hier. Auch wenn sie kein Hochdeutsch können, auch die Zuwanderer/innen übrigens nicht.

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